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Saturday, 14 February 2026
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Spritzen, Make-up, Stress: Die neue Religion der Schönheit und ihre Schattenseiten

Ein globaler Blick auf den Schönheitskult, der das Leben von

Spritzen, Make-up, Stress: Die neue Religion der Schönheit und ihre Schattenseiten
Ekhbary Editor
1 week ago
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Deutschland - Ekhbary Nachrichtenagentur

Spritzen, Make-up, Stress: Die neue Religion der Schönheit und ihre Schattenseiten

Der Morgen beginnt für Sofia, eine 17-jährige Schülerin aus einer Hochhaussiedlung bei München, nicht mit einem schnellen Frühstück, sondern mit einem zweistündigen Ritual. Ihre tägliche Transformation ist eine akribische Choreografie aus 20 Produkten und sieben Pinseln: angefangen bei feuchtigkeitsspendenden Seren, über Vitamin C und diverse Cremes bis hin zu Sonnenschutz. Mit einem Schwamm arbeitet sie Make-up in ihre Haut ein, kaschiert Unregelmäßigkeiten um Augen und Nase, konturiert Wangenknochen und Haaransatz, trägt Rouge in zwei Farbtönen auf und fixiert alles mit Puder. Augenbrauen werden geformt und aufgefüllt, Lidstriche gezogen, mehrere Schichten Wimperntusche aufgetragen und Akzente mit Highlighter gesetzt. Ein roter Lipliner betont die Konturen, bevor eine Lippenmaske folgt. „Und zum Schluss das Setting-Spray, das ist wichtig“, sagt Sofia, schließt die Augen, hält den Atem an und sprüht einen feinen Nebel auf ihr Gesicht. „Fertig.“ Erst wenn sie sich perfekt fühlt, ist sie für den Tag gewappnet. Oft klingelt ihr Wecker bereits um 5:30 Uhr, um dieses Ergebnis zu erzielen. „Ein Full-Face-Make-up wie dieses gibt mir Sicherheit“, erklärt Sofia.

Sofias Erlebnis ist keine Einzelerscheinung, sondern ein Spiegelbild einer globalen Entwicklung. Millionen Menschen weltweit empfinden ähnlich. Junge Mädchen inszenieren ihr Aussehen wie Kunstwerke, teilen auf sozialen Netzwerken Anleitungen, wie sie die „beste Version“ ihrer selbst aus ihren Kinderzimmern heraus kreieren können. Dieser Trend beschränkt sich nicht allein auf junge Frauen; obwohl sie lange als die Gruppe galten, die dem Aussehen die größte Bedeutung beimisst – da sie am stärksten darauf reduziert werden – repräsentiert Sofia eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung. Das äußere Erscheinungsbild spielt eine überragende Rolle im Alltag. Eine Studie mit rund 93.000 Teilnehmern aus 93 Ländern ergab, dass Menschen durchschnittlich vier Stunden pro Tag für ihr Aussehen aufwenden. Dies umfasst Make-up, Haarstyling, Körperpflege und Sport, der primär der Ästhetik dient. Frauen investieren dabei im Schnitt etwa 24 Minuten mehr in ihr Erscheinungsbild als Männer.

Angesichts dieser Zahlen überrascht es kaum, dass die Schönheits- und Wellnessbranche eine ähnliche wirtschaftliche Bedeutung erlangt hat wie die globale Öl- und Gasindustrie oder die Automobilindustrie. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in den Wachstumsprognosen: Der Beauty-Sektor wird in den kommenden zehn Jahren voraussichtlich stärker wachsen als die Automobilindustrie. Die Unternehmensberatung McKinsey schätzt den Schönheitsmarkt (exklusive Wellness) auf 580 Milliarden US-Dollar und prognostiziert bis 2027 ein Wachstum von sechs Prozent. Auch in Deutschland erreichen die Ausgaben für Kosmetikprodukte Rekordhöhen. Viele Deutsche scheuen sich zudem nicht, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Obwohl ästhetische Eingriffe in Deutschland aufgrund hoher medizinischer Standards teurer sind als beispielsweise in der Türkei, zählt Deutschland in Europa zu den Top-Nationen. Brustoperationen, Botox, Oberlidstraffungen und Filler-Behandlungen gehören laut Jahresstatistik der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie zu den „Favoriten der Deutschen“. Weltweit ist die Zahl der von plastischen Chirurgen durchgeführten ästhetischen Eingriffe in den letzten vier Jahren um über 40 Prozent gestiegen.

Doch dieser Schönheits-Hype hat eine Kehrseite: Viele Menschen leiden unter ihrem Aussehen. „Ich sehe so viele Bilder von mir, und ich merke immer wieder etwas anderes, das ich an mir hasse“, gesteht Model Stefanie Giesinger. Obwohl die 29-Jährige 2014 die neunte Staffel von „Germany’s Next Topmodel“ gewann – ein vermeintlich eindeutiger Beweis ihrer Schönheit – kämpft sie mit ihrem Körper und Gesicht. Ein Schicksal, das sie mit vielen teilt. Während für manche Operationen oder Injektionen zur Normalität gehören, stehen andere noch staunend davor. Doch niemand kann übersehen haben: Schönheit hat nie eine so beherrschende Rolle gespielt wie heute. Woher kommt diese übersteigerte Fixierung auf unser Äußeres?

Sofia sitzt an ihrem Schminktisch, ein Spiegel ist wie in einem Friseursalon von allen Seiten beleuchtet. In Kästen und Schubladen bewahrt sie unzählige Stifte, Spender, Tiegel und Tuben auf. Während sie sich fertig macht, hat sie ein Video für TikTok aufgenommen. Mehr als 400.000 Accounts folgen @iamsofiastark, die Mehrheit davon junge Frauen. Manchmal wird sie beim Einkaufen erkannt, erzählt Sofia; fast immer sind es Mädchen zwischen 11 und 14 Jahren. Ihr 90-sekündiges „Get Ready With Me“-Video wurde auf TikTok über 1,6 Millionen Mal aufgerufen. Darin wirkt Sofia wie ein normales Mädchen, das sich mit etwas zu viel Make-up für die Schule fertig macht und dabei plaudert. Ihre Schönheitsroutine wirkt beiläufig, als würde sie genauso schnell erledigt wie das Packen des Schulranzens. Sie macht sich schön für andere, doch im Video scheint es, als täte sie es für sich selbst.

Für Sofia ist diese Schönheitsarbeit nicht nur ein Hobby, sondern auch ein lukratives Geschäft. „In guten Monaten verdiene ich mehr als meine Eltern zusammen“, sagt sie. Kosmetikfirmen schicken ihr unaufgefordert Cremes und Lidschatten und buchen dann Kooperationen mit ihr; pro Video erhält sie zwischen 2.000 und 7.000 Euro brutto. „Das Geld investiere ich wieder in andere Dinge“, erklärt Sofia. Damit meint sie das Fitnessstudio, Kleidung, Wimpern, Nägel. Allein ihre Haare kosten sie alle zwei Monate 500 Euro; dafür fährt sie extra zu einem Friseur nach München. Und was sagen ihre Eltern? Sie haben weder TikTok noch Instagram auf ihren Handys, sagt Sofia. „Sie sind stolz auf mich, weil ich Geld verdiene, aber sie können nicht wirklich verstehen, was ich da mache.“ Die Frage ist nicht so banal, wie sie zunächst klingt: Was genau macht Sofia?

Die Herstellung von Schönheit – eine fleißige Aufgabe – wird heute als „ästhetische Arbeit“ bezeichnet. Der Begriff verdeutlicht, dass Schönheit eine Ware ist, die produziert werden muss und als Kapital Wert besitzt, auch wenn nicht jeder direkt Geld daraus schlägt. Das psychologische Phänomen „Pretty Privilege“ beschreibt, wie schöne Gesichter zu einer Art kognitiver Verzerrung führen. Diesen Menschen werden bessere Charaktereigenschaften zugeschrieben; sie bekommen bessere Jobs, verdienen mehr Geld, schneiden bei mündlichen Prüfungen besser ab und werden sogar vor Gericht bevorzugt behandelt. Aus diesem Grund gehen wir zum Friseur, trimmen unsere Bärte, zupfen unsere Augenbrauen. Nichts davon brauchen wir zum Überleben. Aber zum Leben? Sehr wohl. Der Haken ist: Ein Besuch beim Friseur und ein Spritzer Parfüm reichen für diese Schönheitsarbeit längst nicht mehr aus. Der visuelle Druck ist immens geworden. Jung, dünn, glatt und sexy auszusehen, ist zu einem Mantra geworden, dem sich kaum jemand entziehen kann. Wie konnte es so weit kommen?

Wir wollen uns nicht nur schön machen, wir müssen es, argumentiert die britische Philosophin Heather Widdows. Schönheitsnormen sind aufgrund der Bilderflut aktuell dominanter denn je. Sie verweist auf die globalisierte Welt und die unzähligen Bilder, denen wir täglich in sozialen Medien, im Fernsehen und auf Werbetafeln begegnen. Dass sich bestimmte Schönheitsideale so massiv durchsetzen, liegt an ihrer weltweiten Homogenisierung und Verbreitung, erklärt Widdows in ihrem Buch „Perfect Me“. Nie zuvor haben wir so viele Bilder schöner Gesichter gesehen. Das Perfide daran ist, dass diese Entwicklung eine hart erkämpfte visuelle Vielfalt ausbremst. Jahre des gepredigten Self-Love, der Achtsamkeit und Body Positivity scheinen vergessen, wenn es um die „Selbst-Renovierung“ geht.

Das Interessante daran: Das heutige Ideal – die Vorlage für den ästhetischen Chirurgen oder die Kosmetikerin – ist ein globaler Durchschnitt, eine Melange aller Ethnien, so Widdows. Voluminöse Lippen, dichtes Haar und volle Bärte, hohe Wangenknochen, mandelförmige Augen mit doppelter Lidfalte und langen Wimpern, große Brüste oder Brustmuskeln – kaum jemand ist mit all dem gesegnet. Umgekehrt bedeutet dies: Keine Ethnie ist ohne Hilfe gut genug; jeder muss verändert oder ergänzt werden, um diesem Ideal zu entsprechen, das in der Realität gar nicht existiert.

Gülcan Demir hält die kleine Louis-Vuitton-Tasche auf ihrem Schoß fest. Sie sitzt in einem Behandlungsstuhl in Düsseldorf, um sich Nase und Lippen spritzen zu lassen. Die 30-Jährige ist nicht zum ersten Mal hier; erst vor vier Monaten wurden ihr 0,7 Milliliter Hyaluronsäure in die Lippen gespritzt, um sie voller wirken zu lassen. „Sehr schön, natürlich“, lobt Arzt Henrik Heüveldop sein Werk. Doch Demir, deren richtiger Name anders lautet, findet das Volumen unzureichend; sie will mehr. Heüveldop mimt Empathie und fügt hinzu: „Ich habe 20 Milliliter Hyaluronsäure im eigenen Gesicht. Kinn, Kiefer, Wangenknochen, Tränenrinnen – ich habe alles einmal aufgebaut.“ Der Arzt will genau wissen, was Demir an ihrem Gesicht stört. Demir: „Meine Nase. Wenn ich ein Selfie mit der rechten Hand mache, ist da diese Delle, sehen Sie das?“ Heüveldop: „Sie haben eine tolle, gerade Nase. Sie sind von Natur aus total hübsch. Weniger ist da immer mehr. Auch bei den Lippen weiß ich gar nicht, ob wir die machen müssen.“

Was Demir vermutlich nicht weiß: Die Frontkameras von Smartphones verzerren das Gesicht, insbesondere die Nase. Dasselbe gilt für Webcams. Zahllose Menschen, die sich in Kamerabildern betrachten, sind unzufrieden mit ihrem Spiegelbild. Dies ist ein weiterer Grund für den Schönheitsboom: Wir betrachten unser eigenes Gesicht heute häufiger über Bildschirme als je zuvor. Während man früher einen Tag verbringen konnte, ohne länger als ein paar Sekunden beim Händewaschen im Bad in sein eigenes Gesicht zu blicken, schauen wir uns heute minuten-, manchmal stundenlang an. Seit der Corona-Pandemie finden Konferenzen, Meetings und Gespräche per Video-Chat statt, wobei immer eines präsent ist: das eigene Gesicht. Ungünstig beleuchtet, von Kameras verzerrt. Wer hat sich nicht schon dabei ertappt, dass er auf die eine oder andere Stirnfalte verzichten könnte? Oder vielleicht den Höcker auf dem Nasenrücken?

Heüveldop fotografiert seine Patientin mit dem Handy und öffnet die App Facetune, mit der er ihr Gesicht morphen – modellieren – kann. Er verändert Demirs Nase und Kinn auf dem Bildschirm, als würde er ein Bild malen. Als wäre er ein Künstler. Heüveldop: „So würde es aussehen, wenn wir die Nasenspitze etwas anheben. Eine Nuance, aber es würde das Gesamtbild harmonischer erscheinen lassen. Ich persönlich finde es unnötig.“ Demir bucht Hyaluronsäure für die Nasenspitze, 450 Euro, Haltbarkeit maximal zwei Jahre; und weitere 0,6 Milliliter Hyaluronsäure für die Lippen, 350 Euro, Haltbarkeit neun bis zwölf Monate. Sie zahlt 100 Euro extra, um persönlich von Heüveldop behandelt zu werden; schließlich ist er ein bekanntes TV-Gesicht. Der Arzt plaudert über seinen letzten Urlaub in Antalya, während er Gülcan mit sogenannten „Russian Lips“ über 25 Einstiche injiziert. Sie heißen so, weil Optik und Technik aus Russland stammen; die herzförmigen Lippen ähneln Matroschka-Puppen.

Gülcan Demir sitzt bei Aesthetify, der Schönheitspraxis jener beiden Ärzte, die sich im Fernsehen „DR RICK & DR NICK“ nennen. Sie preisen minimalinvasive Eingriffe als Luxusgüter an. Kundinnen sollen sich hier fühlen, als würden sie sich etwas Gutes tun. Injektionen als Self-Care. Die Ärzte Henrik Heüveldop und Dominik Bettray sind derart geschäftstüchtig, dass man den Eindruck bekommt, sie hätten Marketing statt Medizin studiert. Sie tragen Dreiteiler, Rolex-Uhren, Ringe. Sie lächeln verbindlich und sprechen eloquent von Pionierrollen, Seriosität, Expansionsstrategien. In ihrer Praxis: dunkler Marmor, Lilien in hohen Vasen, ein Coffee Table Book über Rihanna. Faltenfreie Assistentinnen in Stilettos servieren Caffè Lattes an einer Bar. Eine Frau checkt für einen Termin ein; sie muss ihren Ausweis zeigen, weil sie so jung aussieht. Die nächste Kundin ist Ende 70; sie schafft die Treppe ins Obergeschoss nur langsam.

Heüveldop und Bettray lernten sich im Medizinstudium in Ungarn kennen, erzählen sie. Heute betreiben sie sechs Praxen für Hyaluron- und Botox-Injektionen. In einer Doku-Serie auf ProSieben preisen sie ihre Schönheitsarbeit wie eine Religion an, inszenieren sich als Stars, fahren Porsches, feiern Partys und gehen ins Fitnessstudio. Heüveldop erzählt dem DER SPIEGEL, er mache gerade einen Pilotenschein. Besonders wohlhabende Klienten lassen sich gerne zu den Praxen fliegen. Die 44-jährige Anne Finck (Name geändert) nahm den Zug von Ostfriesland nach Düsseldorf. Ihre Geschichte und die vieler anderer unterstreichen, wie tief verwurzelt der Wunsch nach Perfektion in der modernen Gesellschaft ist und welche Wege Menschen bereit sind zu gehen, um diesem Ideal gerecht zu werden. Der Schönheitskult ist nicht nur ein Trend, sondern eine mächtige kulturelle und wirtschaftliche Kraft, die unser Verständnis von Selbstwert und Erfolg maßgeblich beeinflusst.